09.04.2021

Faktencheck zur Bewerbung von Garmisch-Partenkirchen zur SkiWM 2027

Dem Marktgemeinderat Garmisch-Partenkirchen liegt ein Antrag der CSU-Fraktion zur Bewerbung um die Austragung der Alpinen Ski WM 2027 vor. Der Ortsverband Garmisch-Partenkirchen von Bündnis 90/DIE GRÜNEN sowie die Grüne Fraktion im Gemeinderat sprechen sich gegen eine solche Bewerbung aus.

Wir streben für Garmisch-Partenkirchen eine nachhaltige Zukunft an. Das beinhaltet die Erhaltung von Naturräumen, eine Ortsgestaltung für alle Garmisch-Partenkirchener*innen, eine geregelte Besucherlenkung, solide Finanzen, politische Transparenz, sowie natürlich aktiven Klimaschutz.

Zwar mag es Argumente für eine Ski WM 2027 in Garmisch-Partenkirchen geben, bei einer näheren Betrachtung können viele davon allerdings entkräftet werden. Die Ergebnisse einer genauen Betrachtung, unsere Perspektive, sowie einige Gegenargumente stellen wir nachfolgend mit entsprechenden Fakten vor.

1. Touristischer Werbe-Effekt

Eine Hoffnung an eine Ski WM ist ein positiver Werbe-Effekt für den Austragungsort durch Fernseh-Bilder und das Erlebnis vor Ort. Außerdem wird mit einer sehr hohen Auslastung der Unterkünfte sowie Umsatzsteigerungen der lokalen Wirtschaft während der Veranstaltung argumentiert.

  • Die Auslastung der Stadien war bei der Alpinen Ski WM 2011 in Garmisch-Partenkirchen lediglich an den Wochenenden gegeben, ansonsten dominierten leere Zuschauerränge. Es wurden Volunteers sowie Stehplatz-Karteninhaber*innen gebeten, auf der Tribüne Platz zu nehmen, um die Zuschauerränge aufzufüllen. Auch kurzfristig eingeladene Schulklassen sorgten für eine Erhöhung der Stadionauslastung. Hauptgrund für die leeren Ränge waren nicht etwa unverkaufte Tickets, sondern vor allem ungenutzte Sponsorenkontingente.
  • Für den Februar 2011 meldet Garmisch-Partenkirchen Tourismus 20% weniger Übernachtungsgäste als im Februar 2010. Langfristige Auswirkung sind leider nicht quantifizierbar. Seit 2011 gibt es zwar kontinuierliche Steigerungen der Übernachtungszahlen, allerdings gilt dies für ganz Bayern.
  • Die BZB meldete auf ihren Pisten im Classic Gebiet im Februar 2011 40% weniger Skifahrer als in den Februar-Monaten der Jahre zuvor.
  • Aus einem Bericht der Abendzeitung vom 16.02.2011: „Garmisch-Partenkirchen ist Weltgeisterstadt – trotz WM keine Umsätze im Einzelhandel.“ Die Erfahrungen aus 1978 würden sich wiederholen: der WM-Gast interessiert sich für das Event, nicht für den lokalen Einzelhandel – „und die Stammgäste bleiben lieber weg.“
  • Der Tourismus in Garmisch-Partenkirchen muss sich in den nächsten Jahren einem Strukturwandel unterziehen. Die Unsicherheit der Schneelage, die mit der Klimakrise einhergeht, wird die Bedeutung des Wintersports sukzessive zurückdrängen. Dementsprechend muss sich die Struktur unseres Tourismus-Angebotes auf diese sich verändernden Gegebenheiten einstellen – statt Wintersport müssen andere Erholungswerte in den Mittelpunkt gestellt werden. In einem so einzigartigen und weltbekannten Naturraum wie den Bayerischen Alpen bietet sich hierfür ein ökologisch nachhaltiger, auf Umweltbildung ausgelegter Tourismus an. Um ein solches Konzept zu etablieren und den Namen Garmisch-Partenkirchen mit Ökologie und Naturschutz zu verbinden, ist die Durchführung eines Groß-Events wie eine Ski-WM sehr hinderlich.
  • „Über-Tourismus“ sorgt für ökologische und verkehrstechnische Probleme, die Akzeptanz der Tourist*innen sinkt im Ort. Fühlen sich aber die Gäste in Garmisch-Partenkirchen nicht mehr willkommen, drohen wirtschaftliche Einbußen – und fühlen sich die Einheimischen vom Touristenstrom überlaufen, drohen große Einbußen der Lebensqualität. Um letztere zu erhalten, müssen Entscheidungen über die Zukunft unseres Ortes also stets das Gleichgewicht zwischen Vorteilen für Gäste und Vorteilen für Einheimische halten. Ein Groß-Event wie die Ski WM mit den zahlreichen damit verbundenen Baumaßnahmen sowie einem Großteil an Tagesbesuchern bringt jedoch wenig Mehrwert für den Einheimischen.
  • Weiße Pistenbänder, die sich durch braun-grünen Wald schlängeln, werden bei Mitbürger*Innen und (potenziellen) Gästen zukünftig immer kritischer betrachtet werden. Die Sensibilität für Klima- und Umweltfragen nimmt stetig zu. Somit kann durch eine Bewerbung um die Austragung einer Ski WM 2027 für GAP auch durchaus ein negatives, „rückständiges“ Image entstehen („…die haben die Zeichen der Zeit nicht erkannt!“)

2. Finanzen

Die Austragung einer Ski WM kann zu zusätzlichen finanziellen Fördermitteln für Garmisch-Partenkirchen führen.

  • Die Finanzierungszusage zur WM ist unsicher. Die bereitgestellten Mittel der FIS sind ausschließlich für die Durchführung der eigentlichen WM gedacht. Je größer die geplanten Infrastrukturmaßnahmen drum herum aussehen, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass mögliche Fördermittel nicht ausreichen und sich auch die Marktgemeinde mit (erheblichen) finanziellen Mitteln an den Baumaßnahmen beteiligen muss. Dies kann bei einem unglücklichen Verlauf andere, bitter notwendige Infrastrukturprojekte über Jahre herauszögern oder gar verhindern.

3. Transparenz

  • 2011 erfolgte keine unabhängige Evaluation des Erfolgs der Ski WM. Daher bezieht sich das Fazit von damals einzig und allein auf den abschließenden Geschäftsbericht der GmbH zur Durchführung der Ski WM 2011. Bezüglich des Einflusses der Austragung einer Ski-WM auf Image des Ortes, Tourismus & Einheimische gibt es keinerlei valide Daten.
  • Die GmbH zur Durchführung der Ski WM 2011 hat insgesamt 5 Mio. Euro Gewinn nach Abzug von Steuern erwirtschaftet. Alleiniger Gesellschafter war der DSV – daher ging dieser Gewinn vollumfänglich an ihn!

4. Klima

  • Im Zeichen der globalen Erwärmung wird der Wintersport in niedrigen Lagen in den nächsten Jahren zunehmend unter Druck geraten. Auch wenn der durchschnittliche Niederschlag in den Wintermonaten nach aktuellen Berechnungsmodellen nicht signifikant weniger wird, so wird das Wetter auf jeden Fall unberechenbarer. Längere Warmperioden sorgen für ergiebige Regenfälle, andere Wetterkapriolen für fehlenden Schnee über viele Wochen. Alles in allem wird sich der Wintersport zunehmend auf Gebiete mit höherer Schneesicherheit konzentrieren – unsere Talabfahrten auf eine Seehöhe von ca. 700m zählen nicht dazu. Die künstliche Beschneiung dieser Talabfahrten wird dafür immer mehr natürliche und finanzielle Ressourcen verbrauchen.
  • Der Spitzensport bei Weltcup-Rennen oder einer Ski WM benötigt Kunstschnee und bretthart präparierte Pisten – ein immenser Verbrauch an Wasser und Energie geht damit einher.

5. Umbaumaßnahmen Kandahar-Abfahrt

  • Die Kandahar-Abfahrt wurde für die WM 2011 für ca. 25 Mio. Euro umgebaut – eine neuerliche Investition in ähnlicher Größenordnung ist zum aktuellen Zeitpunkt nicht notwendig. Mit dem Gudiberg steht uns ein komplett ausgestatteter Slalomhang zur Verfügung. Die Neubaumaßnahmen im Zielbereich der Kandahar-Abfahrt umfassen einen komplett neuen Slalomhang – inklusive Rodung des Hanges, Versiegelung der Flächen, Ausbau einer Schneise zum Erreichen des Startbereichs etc. Und das nur, weil den TV-Sendern nicht zugemutet werden soll, einen zweiten Veranstaltungsort für eine Live-Berichterstattung miteinzubeziehen.
  • Im Zielbereich der Kandahar-Abfahrt soll ein fest installiertes neues Stadion entstehen. Werden dessen Tribünen dann nur an zwei Wochenenden im Jahr genutzt? Oder soll dieses für weitere Events genutzt werden, die größtenteils Tagesbesucher anziehen? Eine nachhaltige Nutzung über die WM hinaus ist nicht zu erkennen – zumal hier für Jahrzehnte gedacht werden muss. Eine solche Baumaßnahme im Außenbereich des Ortes, am Rande ökologisch und kulturwirtschaftlich wichtiger Wiesen sollte unbedingt vermieden werden.

6. Kongresshaus

  • Die Umgestaltung des heutigen Kongresshauses zu einem neuen kulturellen Mittelpunkt Garmisch-Partenkirchens soll von einem umfangreichen Bürgerbeteiligungsprozess begleitet werden. Dem Ergebnis wird eine jahrelange, intensiv diskutierte Arbeit vorausgegangen sein. Im Projekt „Arbeiten und Leben - Garmisch-Partenkirchen2030“ soll bürgernahe Kultur ebenso etabliert werden wie moderne Kongresse – ein aufwändiger Prozess, der nur erfolgreich abgeschlossen werden kann, wenn die Diskussionen hierzu ergebnisoffen geführt werden und die für alle zukünftigen Nutzer*Innen des Gebäudes bestmögliche Umsetzung priorisiert wird. Das Ergebnis des Gestaltungsprozesses Garmisch-Partenkirchen2030 darf nicht von einem einmalig stattfindenden Event beeinflusst werden – notfalls müsste das Medienzentrum für eine WM woanders untergebracht werden.
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